Hochhaus mit Wolkenblick
Band 1, aus dem ersten Kapitel
Manchmal stellte Charlie sich vor, das Hochhaus sei ein riesiger Turm mitten in der Wüste. Ein einsamer Wachturm, von dem aus Cowboys nach vorbeiziehenden Banditen Ausschau hielten. Dann war er kein gewöhnlicher Junge mehr. Dann war er Cowboy Charlie, der Hüter der Prärie, mutiger als ein Puma, schneller als der Wind und mit einem Blick, der jeden Schurken das Fürchten lehrte.
In Wirklichkeit war das Hochhaus allerdings einfach nur grau. Es war alt, es war hässlich und roch in den Fluren nach kaltem Zigarettenrauch, nach saurem Putzmittel und gelegentlich nach nassem Hund. Vierzehn Stockwerke ragte es in den Himmel, wie ein riesiger Betonfinger, der den Wolken drohte.
Charlie setzte sich oft auf das breite Fensterbrett in der Küche. Es war sein heimlicher Lieblingsplatz. Während das Radio leise vor sich hin plätscherte, sah er hinaus – und hinein in seine Fantasie.
Draußen zogen Wolken vorbei, aber in Charlies Kopf wurde daraus Staub, den die Hufe einer Pferdeherde aufwirbelten. Autos wurden zu Kutschen. Baukräne zu Silhouetten ferner Canyons. Die Straße vor dem Haus war eine weite Prärie.
Er hatte ein Pony aus Pappkarton gebastelt. Es war nicht besonders schön – aber für Charlie war es das schnellste Pony westlich der Küchenzeile.
Nebel, Nerven und ein erster Schultag
Band 2, aus dem ersten Kapitel
Der Nebel kam leise.
Nicht wie ein Sturm, der Türen aufreißt und Fenster klappern lässt. Nicht wie Regen, der auf Dächer trommelt und ruft: Hier bin ich! Nein – der Nebel kroch. Er schlich sich über die Wiesen, legte sich zwischen die Apfelbäume, schob sich vorsichtig an den Zaunpfosten vorbei und umarmte die Ranch, als wolle er sie noch ein bisschen festhalten.
Charlie bemerkte ihn schon, als er die Augen öffnete.
Das Zimmer war hellgrau statt golden. Das Fenster war beschlagen, und draußen verschwamm die Welt zu einem einzigen weichen Umriss. Muffins Koppel war nur zu erahnen – ein Schatten im Dunst.
Heute also, dachte Charlie. Heute beginnt es.
Er blieb einen Moment liegen und hörte zu. Kein Hahn krähte. Kein Hund bellte. Selbst die Vögel schienen noch zu überlegen, ob sie wirklich schon wach sein wollten. Nur irgendwo, ganz leise, klapperte ein loses Stück Holz am Schuppen im Wind – klack… klack… klack.